Im goldenen Mantel ging einst die Wahrheit spazieren Und traf den Schwindel, der lud auf ein Glas sie zur Nacht. »Leg ab, und zu Bett - die Wahrheit muß sich nicht zieren«, So sprach er und hat, was ein Mann tut, mit ihr gemacht.                 Und wie sie satt schlief im Dunkeln, nahm er ihren Mantel Und hat zum Adieu ihr den Leib mit Asche beschmiert. »Gehurt ist gehurt«, sprach er, »und Handel ist Wandel: Ich nehme, du gabst - so wird jedem, was ihm gebührt«. Beim Strahl der Frühe die Wahrheit sah in den Spiegel Und fand sich häßlich und grau und mit Flecken besät; Und lief, wie sie war, ins Land über Felder und Hügel. Und rings raunte das Volk: »Wer ist, die da nackend geht?« »Ich bins, die Wahrheit, die reine, mein Amt ist, zu lehren Was gut ist und schlimm, und wie die Welt wirklich sei«, So sprach sie im Ernste; bald rannten, sich zu empören, Die Leute zuhauf, und auftrat die Polizei. »Wie heißen Sie?« »Wahrheit.« »Wohin?« »Zu den Müden und Schwachen.« »Wozu?« »Zu trösten.« »Und woher?« »Ich komme von weit«. Da wälzten Büttel und Volk auf dem Markt sich vor Lachen: Die Wahrheit, sie wußtens, kommt stets im goldenen Kleid.         Verbannt ward die Wahrheit, wie sehr sie flehte auf Knieen. Schlief elend auf Stroh, wurde krank und hatte kein Geld. Indes hat der Schwindel den goldenen Mantel beliehen Und fährt auf Pump mit zwölf Pferden berühmt durch die Welt.                            
© Rainer Kirsch. Übersetzung, 1992