Auf der Strecke laufen jetzt die besten vier. Jeder denkt, er sei der schnellste Läufer hier. Jeder meint, er mach als allerletzter schlapp, Jeder hofft, er kriegt den Siegeslorbeer ab. Einer friert dort, und der andere, der schwitzt. »Ihr müßt siegen, Kinder, jetzt wird losgeflitzt!« Jeder hat die gleiche Startmahlzeit gekriegt, Doch der Schiedsrichter bestimmt zum Schluß, wer siegt. Auf der Strecke Wahnsinnskampf bei diesem Lauf. »Na, wie geht’s, wie steht’s, wer gibt als erster auf? Hier ist Fernsehn, Rundfunk, wir sind direkt drauf.« »Keine Neuigkeiten, alle sind gleich weit, Doch, oho, mit welcher Unverdrossenheit!« Nummer eins läuft sich die Hacken ab, ein Held, So als ob er einen Berg herunterfällt. Auf die Siegesprämie hat er Appetit, Steuert auf den Freßnapf zu mit großem Schritt. Weshalb läuft er nicht als reiner Idealist? Weil er früher niemals satt geworden ist. Er war hungrig und die Schule eine Qual. Nur beim Training war er pünktlich jedesmal. Alle jagen nach dem Glück, Erster kriegt das beste Stück, Und der zweite hat schon alles durchgecheckt, Er kann froh sein, wenn er mal am Knochen leckt. Nummer zwei macht sich nicht viel aus dem Genuß, Denn zu Hause gab es Fleisch iin Überfluß. Nur nach Ruhm und nach Erfolg strebt er allein. Hebt viel schöner als die anderen sein Bein. Streift mit seiner Wange fast die Aschenbahn. Schöner geht’s nicht, doch er läuft nach Gegenplan. Spinnt als Taktiker, Stratege hier sein Netz. Welch ein Wille, welch Charakter, Molodez! Nur was nötig ist, scheint bei ihm angespannt. Als Olympiakader wird er wohl benannt, Gibt im Kinderfernsehn Tips aus erster Hand. Mit Pele mißt er sich in Beharrlichkeit, Ist uns Vorbild dieser Mann zu jeder Zeit. Nummer drei ist etwas älter und ergraut, Hat als zweite Garnitur schon abgebaut. Möglich, einer aus der ersten ist verletzt, Oder hat man ihn aus Mitleid eingesetzt? Ein Gedanke hämmert ihm den Kopf entzwei: Alter, gleich ist deine letzte Chance vorbei! Wie ein Junger holt er’s Letzte aus sich raus. Muß sich sputen, sonst ist alles für ihn aus. Sonst wird er dorthin gekarrt, Fertig, kurz vorm Herzinfarkt, Wo die Karten übereinstimmen im Preis. Doch es sind die Billigplätze, wie man weiß. Und der vierte läuft so taktisch wie ein Floh. Läuft für nichts und wieder nichts, läuft einfach so. Kommt nach vorne, tritt dem ersten auf die Schuh. Fällt zurück, setzt sich dann hin und gönnt sich Ruh. Dieser erste hat den Freßnapf wohl verpaßt. Auch der zweite keinen Lorbeer abgefaßt. Und der dritte, dieser Greis, Muß nun doch aufs Abstellgleis. Ach, was gibt es heut beim Wettkampf für Methoden! Er, der vierte, zog sein Hemd aus, warf s zu Boden, Hat ganz plötzlich abgebremst kurz vor dem Ende. Ja, was soll denn diese unsportliche Wende? Auf der Strecke laufen hier die besten vier, Gute, Böse, anspruchslos und voller Gier. Ihre Schulterblätter wachsen Flügeln gleich, Heben ab und fliegen hoch ins Himmelreich. Wer ist wer? Was glaubt er, als wer er jetzt fliegt? Doch Gott Schiedsrichter bestimmt zum Schluß, wer siegt.
© Reinhold Andert. Übersetzung, 1989